Die Geschichte vom Kampf gegen die Radio-Rebellen und deren Langzeitwirkung 
 
                                                                   

Grüß' Euch. "Programmreform bei Bayern 3" war Anfang dieses Monats in der Zeitung zu lesen. Und Herrchens Spezl Kai V., der in Frankfurt beim Radio arbeitet, meinte dazu: "Na endlich!". Doch um es gleich vorweg zu nehmen: Es handelte sich dann doch nur um ein "Reförmchen". Es gibt zwar wieder mehr Information auf Bayern 3, die Beiträge sind aber eher oberflächlich und mit störendem Musik-Gedudel unterlegt. Apropos Musik:  Man kann es drehen und wenden wie man will, aber an der Song-Auswahl ist die Reform leider mal wieder fast spurlos vorüber gegangen. Das war allerdings auch nicht anders zu erwarten, denn Bayern 3 ist nun einmal der Sender des Bayerischen Rundfunks für die wichtige Zielgruppe der unter 30-Jährigen. Ist ja auch in Ordnung, denn diese Zielgruppe soll ruhig ihr Hörfunkprogramm haben. Und wenn man mal zu den anderen öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland schaut, dann gibt es auch dort die sogenannten "jungen Wellen". Was es auch nahezu überall gibt, ist ein Programm für die ältere Generation mit Schlagern und Oldies. Auch das hat der Bayerische Rundfunk mit Bayern 1. Nun kommen wir allerdings zu einem ganz wesentlichen Unterschied: nämlich zu dem passenden Programm für die Generation zwischen jung und alt.

Diese Generation ist dem Privatradio meist ebenso entwachsen wie den jungen Wellen. Die betreffenden Leute wünschen sich fundierte Information mit Beiträgen, die gerne auch mal vier oder fünf Minuten dauern dürfen, seriöse Nachrichten ohne Gedudel im Hintergrund, angenehme Moderation abseits der jungen Marktschreier und Dauer-Claimer und vor allem Musik der Siebziger und Achtziger. Viele öffentlich-rechtliche Sender tragen dem Rechnung mit Programmen wie SWR 1 Baden-Württemberg, WDR 2 oder auch hr 1 (an dieser Stelle noch einmal viele Grüße an Kai). Der Bayerische Rundfunk (BR) tut dies allerdings nicht. Ich räume nun mal ein, dass er es gerne täte, es aber an den medienpolitischen und technischen Gegebenheiten scheitert. Mit Herrchens Hilfe möchte ich diesem Thema nun mal auf den Grund gehen.

Die großen Öffentlich-Rechtlichen haben meist fünf Hörfunkprogramme, die auf Ukw zu empfangen sind. Mehr ist einfach nicht drin, weil es eben nicht endlos viele Frequenzen gibt. Üblicherweise sind diese fünf Programme so konzipiert: ein Programm für die Jugend, eines für die "mittlere" Generation, eines für die älteren Hörer; dazu ein Kultur- und Klassikkanal sowie eine Info-Welle.  Beim BR sieht das jedoch etwas anders aus. Hier bleibt die mittlere Generation außen vor, dafür gönnt man sich seit Jahrzehnten mit Bayern 4 einen reinen Klassik-Sender. Ihr wollt wissen, warum das so ist? Das hat Gründe, die bis in die Siebziger zurückgehen. Da ich zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Welt war, bin ich natürlich auf Herrchens Hilfe angewiesen. Es folgt eine schöne Erzählung, die beinahe wie eine Gute-Nacht-Geschichte klingt, aber in Wirklichkeit das Problem in seiner ganzen Bandbreite erfasst. Los geht's.

In längst vergangenen Zeiten trug es sich zu, dass ein Sender, der in einem großen Gebäude nahe des Münchner Hauptbahnhofs beheimatet ist, wie in einem Dornröschenschlaf vor sich hin funkte. Damals war die Radiowelt im schönen Bayernland eben noch in Ordnung. Doch dann passierten plötzlich eigenartige Dinge, die dunkle Wolken nach München schickten. Jenseits der vielen Berge im Süden Bayerns, in einem fremden Land namens Italien, braute sich etwas zusammen. Die hohen Herren in diesem Land hatten beim Ausrufen ihrer Gesetze einen kleinen, aber bedeutenden Fehler gemacht. Sie hatten schlicht eine Kleinigkeit vergessen, nämlich das Hörfunkgeschehen auf Ultrakurzwelle zu reglementieren. Und kaum sprach sich das herum, schossen plötzlich private Hörfunksender wie Pilze aus dem Boden. Einige Schurken aus unserem Lande kamen daraufhin auf die verwegene Idee, ebenfalls in Italien Radio zu machen. Allerdings mit einem ganz neuen Ziel: Über die vielen Berge hinweg wollten sie mit ihren Programmen vor allem die Landeshauptstadt Bayerns aus ihrem Dornröschenschlaf wach küssen. Und es funktionierte tatsächlich; in der Anfangsphase noch eher leidlich, doch im Laufe der Jahre nahezu perfekt. Und den Hörern gefiel der frische Wind im Äther.

Der große Platzhirsch in München, der damals mit drei Programmen ganz Bayern versorgte, wurde daraufhin natürlich bitterböse. Und so brüteten die verantwortlichen Herren bei einem Geheimtreffen im Keller ihres Funkhauses einen düsteren Plan aus. Mit einem ganz neuen Programm wollten sie den Rebellen aus Italien zeigen, wo der Bartl den Most holt. Sie hatten zunächst nur ein ganz großes Problem: Wie sollten sie ein viertes Hörfunkprogramm gegenüber ihren braven Untertanen rechtfertigen? Die betagten Leute wurden mit Bayern 1 gut bedient, Bayern 2 war ein Fleckerlteppich aus Kultur und verschiedenen Musikformaten und Bayern 3 war die typische Autofahrerwelle mit netter, verbindlicher Moderation und Musik, "die anregt, aber nicht aufregt". Nicht einmal der größte Prophet hätte damals daran gedacht, dass Deutschlands Radiolandschaft einmal von Jugendprogrammen überschwemmt werden würde. Also dachte man in andere Richtungen.

Viele Monate überlegte man eifrig, dann hatte plötzlich ein großer Radiomann die zündende Idee. Ein Programm mit ausschließlich klassischer Musik werde man in den Äther schicken, beschloss man schließlich - ein extrem anspruchsvolles Angebot, das ruhig etwas Geld kosten darf, da es ja ganz neue Maßstäbe setzt. So würden auch die Untertanen nicht aufbegehren. Nun kam allerdings der zweite Teil des perfiden Plans dazu: Man beschloss bei einem weiteren Geheimtreffen, das neue Programm genau auf den Frequenzen zu verbreiten, auf denen die bösen Rebellen aus Italien einstrahlten. So konnte man deren Sender unhörbar machen, was in vielen Fällen die Einstellung des Programms zur Folge hatte. Und war mal ein Rebell so dreist, einfach die Frequenz in Italien zu wechseln, nahm man ganz schnell eine weitere Frequenz für das bayrische Klassikradio in Betrieb. So herrschte bald wieder Ruhe im schönen Bayernland, und der große Radiosender in München hätte eigentlich wieder in seinen Dornröschenschlaf fallen können, wenn da nicht böse Geister gewesen wären, die bereits im Untergrund eine weitere Revolution ausheckten. Und zwar diesmal nicht vom fernen Italien aus, sondern mitten in der Landeshauptstadt.

An dieser Stelle endet der erste Teil von Herrchens netter Geschichte (vielleicht erzählt er mir und Euch ja irgendwann mal Teil zwei). Nun komme ich allerdings an dieser Stelle zu den langfristigen Auswirkungen dieser Story. Da man gegenüber den "Untertanen" das Klassikprogramm seinerzeit so perfekt gerechtfertigt hatte - natürlich ohne die wahren Gründe zu nennen -, hat sich über die vielen Jahre hinweg eine kleine, aber feine Stammhörerschaft entwickelt, die ihren Klassiksender nicht mehr missen möchte. Wird auch nur mal leise angedacht, das Programm zu ändern oder über neue technische Wege zu verbreiten, gibt es sofort einen lauten Aufschrei. Da ist dann gleich von Verfall der Musikkultur die Rede und vom Niedergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf Privatradio-Niveau. Schnell finden sich auch stets prominente Fürsprecher, die die Hörer in ihrem Kampf um den Erhalt des Klassiksenders unterstützen. Und so war die Sache bisher immer wieder schnell vom Tisch.

Das Problem ist nur, dass genau diese Klassikwelle dem BR die Möglichkeit nimmt, auf Ukw ein Programm für die eingangs erwähnte "mittlere" Generation auszustrahlen; ganz nach dem Vorbild von Wellen wie SWR 1 und hr1. Herrchen vertritt ja die Meinung, dass Digitalradio in Deutschland noch einen steinigen Weg vor sich hat (der eventuell niemals endet), und deswegen wird sich an der aktuellen Situation nichts ändern. Der einstige Geniestreich hängt dem guten BR demnach mittlerweile wie ein Klotz am Bein. Und dieser Klotz ist derart massiv festgekettet, dass man sich wohl niemals davon befreien können wird. Also wird der Bayerische Rundfunk mit seinen Musikprogrammen weiterhin ein Dasein zwischen Jugendradio und Seniorenwelle fristen. Da helfen auch die immer wieder hochbeschworenen Programmreformen nichts.