Kiss und das Quoten-Desasater

Was mir bis heute völlig rätselhaft ist: Warum haben die graußlichen Typen namens "Kiss" gerade in Deutschland solch eine große Anhängerschar? Am kommerziellen Erfolg kann es wohl nicht liegen, denn der ist mittlerweile wirklich minimal.Bevor die Kiss-Fans angesichts dieser Behauptung nun über mich herfallen, mir ihre widerliche Zunge zeigen oder gar Blut spucken (das tun ihre Idole nämlich auch), werde ich mal dank Herrchen die Statistik bemühen. Und siehe da: Die güldenen Zeiten von Kiss liegen schon lange zurück. Es war in den Siebzigern, als ihre Alben überhaupt die Top 10 des US-Charts erreichten. Danach ging so gut wie gar nichts mehr. Bei den Singles sieht es auch nicht viel besser aus. Klar: Das unsägliche "I Was Made For Loving You" schaffte es in den Staaten bis auf Platz elf. Die übrigen Erfolge waren dann Balladen (z.B. "Beth"; 1976 auf Platz sieben), die aber von den echten Kiss-Fans bis heute nicht akzeptiert werden. 

Dass Kiss gerade in Deutschland ihre treueste Fangemeinde haben, liegt auf der Hand. Hier vergöttert man ja auch heute noch marode Truppen aus dem Rock-Sektor wie Uriah Heep, Motorhead, Judas Priest oder Saxon. Zu diesem Phänomen gesellt sich aber noch ein weiteres hinzu: Das Wunschdenken der Fans, einher gehend mit deutlichem Realitätsverlust. Negative Meldungen über die jeweilige Lieblingsband werden entweder beleidigt ignoriert oder schlichtweg ins Gegenteil verkehrt.

Diverse Medien sind sich nicht zu schade, diesen sogenannten "Kult" auch noch zu fördern, indem sämtliche Klischees breit getreten und immer wieder gebetsmühlenartig unter die Zielgruppe gebracht werden. Bestes Beispiel ist ein Hörfunksender aus Ismaning, der so etwas wie den Wurmfortsatz der erfolgreichsten privaten Station Deutschlands darstellt. Die "Spezialisten" werden es natürlich gleich bemerkt haben: Ich rede von der "Rock Antenne". Hier wird noch gehämmert, geraunzt und gegrunzt, vor allem in der abendlichen Spezialsendung "Tuff Stuff". Der Moderator der Sendung, Thomas Moser, ist laut Frauchen eigentlich ein freundlicher, harmloser Zeitgenosse. Doch auch er steht natürlich unter dem Druck, Klischees bemühen zu müssen. Und so durfte er sich jüngst in einem Videoclip zum Affen machen, den ich Euch hier natürlich zur Verfügung stelle. Einfach starten und eintauchen in die irre, wirre Welt des Heavy Metal.




Heavy-Fans zieht es allerdings nicht nur zur Rock Antenne, sondern ab und an auch vor den Fernseher. Und so sieht sich ein weiterer Spezialfreund von mir, Onkel Gottschalk, veranlasst, die Ikonen dieser Zunft bisweilen auch in seine Samstagsshow einzuladen. Zuletzt waren nun also Kiss zu Gast, und um es gleich vorab zu sagen: Genutzt hat es Gottschalk gar nichts. Im Gegenteil: Er fuhr die mieseste Quote in der Geschichte von "Wetten, dass..?" ein, das immerhin nun schon seit fast 30 Jahren ausgestrahlt wird. Es wäre vermessen, diesen Quoteneinbruch auf die Olympischen Winterspiele zu schieben, die parallel in der ARD übertragen wurden. Olympische Winterspiele gab es seit 1981 schon viele - auch parallel zu "Wetten, dass..?" -, weniger als acht Millionen Zuschauer gab es aber noch nie.

"Das kann und darf so nicht stehen bleiben, und an Kiss lag das sowieso nicht", werden die Fans der Band nun maulen. Vielleicht stellen sie ja sogar die korrekte Berechnung der Quote in Frage. Nur eines sollten sie in dieser Frustphase nicht tun: nämlich das Lesen verlernen. Und damit komme ich zu einem Herrn namens Olaf aus dem Raum Dortmund. Der ist definitiv ein eiserner Kiss-Fan und musste daher der Fanseite der Band gleich einen Zeitungsartikel aus den "Dortmund Ruhr Nachrichten" zukommen lassen. 

Nun muss man sich natürlich fragen, warum unser Olaf das getan hat. Denn der Artikel beschreibt ja gerade das Quoten-Desaster rund um den Kiss-Auftritt und zieht obendrein die Band recht kräftig durch den Kakao. Doch nun geschieht etwas Wundersames: Entweder war Olaf zu faul, den Text zu lesen oder er kann unter Umständen gar nicht lesen. Denn der Kommentar zu der Veröffentlichung hört sich folgendermaßen an: "Der Auftritt von Kiss in der Show 'Wetten, dass..?' am vergangenen Samstag hatte die höchste Einschaltquote im deutschen Fernsehen an diesem Abend und ließ sogar die Olympischen Winterspiele und 'Deutschland sucht den Superstar' hinter sich." Hallo, Olaf? Irgendwas hast Du da völlig falsch verstanden. Klar: Wetten, dass..? war gerade noch Spitzenreiter, fuhr aber - wie bereits erwähnt - die schlechteste Quote seit 1981 ein. Ob so etwas mit oder ohne Kiss passiert, ist in diesem Falle absolut wurscht. Denn, Olaf, merke: Das Fernsehpublikum besteht nicht nur aus Kiss-Fans. Wie es überhaupt auf dieser Erde noch Freunde anderer Musikrichtungen gibt. Dass diese von Dir, Olaf, nicht akzeptiert werden, ist mir schon klar. Immerhin leben wir im Lande des engstirnigen Musik-Schubladendenkens. Doch zumindest der Realität sollte man noch ins Auge sehen können, denn es gibt auch noch ein Leben abseits von Hard Rock und Heavy Metal.