Der Todesstoß für die Musikindustrie

Dass ich mich in der weiten Welt der Musik ganz gut auskenne, dürfte ja mittlerweile hinreichend bekannt sein. Als weiteren Beleg seht Ihr mich diesmal auf neben-
stehendem Foto zusammen mit dem Sänger Paul Carrack. Der ist schon seit Jahrzehnten im Geschäft und erfreut sich auch heute noch in unserem Lande einer recht großen Fangemeinde. Paul Carrack ist quasi diesmal mein "Roter Faden". Der gebürtige Engländer kann nämlich ganz genau beurteilen, wie sich die Musikindustrie von 1970 bis heute verändert hat. Begleitend wird Herrchen so manchen Schwank aus seiner Jugend dazu geben.

Wir schreiben also zunächst mal das Jahr 1970. Damals regierte noch die gute alte Schallplatte. Und bevor man sich so ein Teil im Laden kaufte, hörte man einfach intensiv Radio. Dort wurden zu dieser Zeit in zwar spärlichen, aber recht informativen Spezialsendungen neue Produkte vorgestellt. War man sich noch nicht sicher, ob sich ein Kauf wirklich lohnt, gab es in den meisten Plattenläden auch die Möglichkeit, die Schallplatte vor dem Kauf anzuhören. An dieser Situation änderte sich eigentlich die gesamten Siebziger über gar nichts. Als Herrchen sich seine ersten Schallplatten zulegte, kostete eine Single so um die fünf Mark, eine Langspielplatte gab es so ab 14 Mark. Und die Verkaufszahlen stiegen und stiegen und stiegen. 

Die Musikindustrie hatte schon immer den großen Hang dazu, sich ausschweifend selbst zu feiern. Und das tat man damals ganz besonders. War ja auch kein Wunder: Das Business florierte, und es sah so aus, als würde es noch über Jahre hinweg immer weiter aufwärts gehen. Unser Paul Carrack hatte damals einen Riesenhit zusammen mit der Band "Ace", nämlich "How Long", die Radiosender spielten immer mehr Pop und Rock, Plattenläden schossen wie Pilze aus dem Boden. Damals gab es, so erinnert sich Herrchen, allein in der Münchner Innenstadt mindestens zehn gut sortierte Plattenläden, wobei die Plattenabteilungen in den großen Kaufhäusern noch gar nicht eingerechnet sind. Da Konkurrenz das Geschäft belebt, wurden die Tonträger immer günstiger. Nur selten musste man für einen Longplayer mehr als zehn Mark berappen.

In den Achtzigern ging es zunächst mal munter so weiter. Doch von den USA aus bahnte sich eine echte Revolution an. Am 01. August 1981 ging dort MTV auf Sendung, das erste Fernsehprogramm, dessen Inhalt fast ausschließlich aus Musikvideos bestand. Nur wenige Jahre später schwappte dieser Trend auch nach Deutschland über. Nun jubilierte die Musikindustrie noch mehr. Hatte man nun doch neben dem Hörfunk noch eine weitere Möglichkeit, Musik bekannt zu machen und unter die Leute zu bringen. Und die Verkaufzahlen stiegen weiter. Unser Paule war damals Sänger der Band "Mike & The Mechanics", und Herrchen stockte seine Plattensammlung ordentlich auf. Irgendwann kamen dann auch noch die ersten CDs dazu. 

Anfang der Neunziger waren die einzelnen Plattenfirmen völlig im Wahn. Denn zu MTV gesellte sich mit VIVA ein weiteres Video-TV, das seinen Sitz sogar in Deutschland hatte. Längst nutzten die jüngeren Leute nicht mehr den Hörfunk als Informationsmedium, sondern verbrachten täglich mehrere Stunden vor der Mattscheibe, um Musikvideos zu glotzen. Folglich behandelten die Labels die meisten Radiosender nur noch stiefmütterlich und konzentrierten sich voll und ganz auf den Fernsehsektor. Der Jugendwahn hielt Einzug, plötzlich waren nur noch Leute unter 25 als Zielgruppe interessant. Dass hier zum überdurchschnittlichen Erwerb von Tonträgern meist gar nicht ausreichend Kapital vorhanden ist, vernachlässigte man. Und siehe da: Plötzlich stagnierten die Verkaufszahlen. Und es begann das große Sterben der Schallplatten-Fachgeschäfte. Herrchen erinnert sich, dass zu dieser Zeit ein Laden nach dem anderen schließen musste. Übrig blieben nur noch Großbuden wie WOM oder Saturn. Paul Carrack konzentrierte sich zu dieser Zeit ganz auf seine Solo-Karriere. Aber so gut wie die Jahre zuvor lief es einfach nicht mehr.

Nun bekam die Musikindustrie zunehmend Probleme, also verteuerte man heimlich, still und leise die Tonträger. Der Schuss ging allerdings nach hinten los, plötzlich waren die Verkaufszahlen sogar rückläufig. Als dann gegen Ende dieses Jahrzehnts auch noch das Internet Einzug hielt, wurde es ganz bitter. Es dauerte nicht lange, da startete mit Napster die erste große Musik-Tauschbörse. Nun sackten die CD-Umsätze endgültig in den Keller. Statt in dieser Phase über neue Vermarktungsstrategien nachzudenken, konzentrierte sich die Musikindustrie fortan auf den Kampf gegen die Tauschbörsen im Internet. Ohne einen Funken Selbstkritik hatte man endlich den Buhmann gefunden, dem man die Schuld an der ganzen Misere in die Schuhe schieben konnte. Tauschbörsen kamen und gingen, wurden verboten oder in kostenpflichtige Angebote umgewandelt.

Immer mehr wurde das Internet im Laufe der Jahre auch zur Informationsplattform für Musikinteressierte. Die Fernsehsender reagierten und wandten sich immer mehr von der Ausstrahlung von Musikvideos ab. CDs waren nun so teuer wie nie zuvor, wobei man gerade bei der Umstellung von Mark auf Euro die Preise nahezu verdoppelt hatte. Die Radiosender hatten zu diesem Zeitpunkt schon lange aufgehört, Newcomer vorzustellen und zu fördern. Gespielt wurden nur noch die Best-Tester im Super-Mix. Im Jahre 2007 schien dann plötzlich Rettung in Sicht: Mit "YouTube" tauchte eine Internet-Plattform auf, die es den Plattenfirmen und auch den Musikern selbst erlaubte, ihre Videos ins Internet zu stellen und ihre Produkte damit bekannt zu machen. Auf diesem Wege erreichte man endlich wieder einen Großteil der Musikinteressierten. Gefiel ein Video oder ein Song, den man auf YouTube angehört hatte, war dies durchaus wieder ein Anreiz, eine komplette CD oder DVD zu erwerben.

Monatelang ging alles gut. Bis zum 31. März 2009. Ich zitiere hier die entsprechende Meldung des Branchendienstes kress.de:

"Der Streit zwischen Googles Videoportal YouTube und der Verwertungsgesellschaft Gema spitzt sich zu. Da YouTube keine höhere Abgaben für verwendete Musikstücke und Songs abführen will, hat das Portal damit angefangen, bis auf weiteres 'mehrere tausend' Videos für deutsche Nutzer zu blockieren, die vom Streit betroffen sein könnten. Erst all jene, die von den Plattenfirmen selbst veröffentlicht wurden, dann auch Kopien davon, die Fans und Nutzer hochspielten. Das Ganze könne laut Google mehrere Tage dauern. Der 2007 geschlossene Vertrag zwischen Gema und YouTube war in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch abgelaufen. Die Gema verlangt einen Cent für jedes abgespielte Video der von ihr vertretenen rund 60.000 Künstler. Google-Sprecher Kay Oberbeck nennt die Forderungen 'völlig inakzeptabel', da YouTube damit bei jedem Abspielen eines Videos Verluste machen würde." 

Diese Auseinandersetzung ist nun in der Tat der blanke Hohn. Ausgerechnet die Verwertungsgesellschaft, die ja eigentlich im Dienste der Musiker arbeitet, sorgt dafür, dass Musikern und Plattenfirmen nun auch dieses Vermarktungsinstrument genommen wird. Man muss kein Prophet sein, um die Folgen zu prognostizieren. In England gab es diesen Streit nämlich schon vor einigen Wochen. Auch hier wurden Unmengen an Videos gesperrt, seitdem sind die Verkaufzahlen von Tonträgern dem Vernehmen nach extrem rückläufig. Es liegt auf der Hand, dass sich dieser Trend in kürzester Zeit auch bei uns einstellen wird. Leidtragende sind letztendlich die Mitarbeiter in den Plattenfirmen, die mangels Umsatz wegrationalisiert werden, und natürlich auch die Musiker selbst, die kaum mehr CDs verkaufen. Das ist aber ja kein Wunder, wenn der Konsument gar nicht erfährt, dass es überhaupt eine neue CD von einem bestimmten Künstler gibt. Letzte Informationsquellen sind noch Print-Magazine, doch die erreichen natürlich nicht mal einen Bruchteil der YouTube-Nutzer. So trägt sich die Musikindustrie in Deutschland schön langsam selbst zu Grabe. Die Zeiten der großen Feiern zur Selbstbeweihräucherung sind ohnehin schon sehr lange vorbei. Übrigens: Paul Carrack war vor kurzem wieder in München - für ein Live-Konzert. Ob es von ihm eine neue CD gibt, wissen weder Herrchen noch Frauchen noch ich. Aber woher auch?