Tonnen Toni und die Blutspucker

Endlich haben wir Gewissheit: Statt des Volksmusiksenders 'Radio Melodie' funkt in Bayerns Großstädten schon bald ein Jugendradio. Auf die Hintergründe dieser Sache möchte ich zwar nicht weiter eingehen, jedoch auf den Namen der neuen Station. Die soll nämlich "Radioblut" heißen, was mich irgendwie an Vampire, Satan, Massaker, Elend und ähnliche Negativattribute erinnert. Erreichen will man mit dem Horror-Sender die ganz junge Zielgruppe so um die 15 Jahre herum. Bedauerlich, dass dann die Songs einer ganz bestimmten Band wohl nicht laufen werden. Deren Mitglieder gehören für die Kindergeneration bereits zu den 'Kompostis', außerdem gibt es von den Songs der Formation keine Klingeltöne. Ihr werdet es vielleicht schon erraten haben: Es handelt sich um die Gruppe 'Kiss', der der Umgang mit Blut ja nicht ganz unbekannt ist. In diesem Zusammenhang ein herzliches Dankeschön an Herrchen für die schöne Idee dieses Brückenschlags vom 'Radioblut' zu Blut spuckenden Musikern.

Anlass für meine Kolumne ist das jüngste Konzert von Kiss in München. Die Band ist für viele auch heute noch Kult. Das dürfte aber eher an der Show und der Kasperl-Maskerade der Musiker liegen, denn ein Blick auf die Statistiken der Musik-Geschichte belegen, dass es um den Erfolg von Kiss eigentlich nicht sonderlich gut bestellt war. Ich übergebe mal kurz an Herrchen für eine historische Abhandlung.

Gegründet wurden Kiss gegen Ende des Jahres 1971 von Gene Simmons und Paul Stanley, die auch heute noch dabei sind. Ihre Longplayer platzierten sich sowohl in England als auch in den USA häufig nur jenseits der Top 50. Auch die Erfolge der Singles halten sich in Grenzen. Erwähnenswert sind der erste Hit "Rock And Roll All Nite" (1975) und natürlich das unsägliche "I Was Made For Lovin' You" (1979).

Danke Herrchen, aber aufgepasst: Nicht vergessen wollen nämlich wir die echten Hits von Kiss, die vor allem in Amerika auf vorderen Hitparaden-Plätzen landeten: Beth, Hard Luck Woman, Sure Know Something oder Shandy. Diese Songs werden allerdings von den Hardcore-Fans der Gruppe bis heute nicht akzeptiert, da es sich ausnahmslos um Balladen und Pop-Melodien handelt. Und weil man den Ultra-Fans genau das gibt, was sie haben wollen, spielen Kiss auf ihrer aktuellen Europa-Tour auch keinen einzigen dieser Titel. Genau an dieser Stelle kommt ein Bekannter meiner Familie ins Spiel, den ich ganz einfach mal 'Tonnen Toni' nenne (mit Luca Toni vom FC Bayern München ist er aber weder verwandt noch verschwägert). Unser Toni gehört auch zu den Super-Fans von Kiss, nimmt das ganze Drumherum furchtbar ernst und hat sich daher ausführlich mit dem Concert-Review auf Frauchens Homepage auseinander gesetzt. "Über die Kiss-Kritik werden wir noch einmal reden müssen", trötete uns Toni am späten Abend auf den Anrufbeantworter. Herrchen konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen... 


Einige Tage später fand das elementare Gespräch dann tatsächlich statt. 
Zunächst ging es tatsächlich um den Titel 'Beth', den größten Erfolg von Kiss in den USA (Platz 7 im September 1976). Frauchen hatte leicht kritisch angemerkt, dass dieser Titel nicht gespielt wurde. Toni ist da natürlich ganz anderer Meinung, und das liegt nicht nur daran, dass es sich um eine Ballade handelt, die er ohnehin nicht mag. Beth sei kein Kiss-Titel, weil der Song vom früheren Drummer Peter Criss gesungen wird echauffierte er sich. Das ist echte Metal-Fan-Logik: Nur weil der Schlagzeuger mal eine Ballade beisteuert, mit der sicher auch die 'Götter' Stanley und Simmons eine ganze Menge Kohle verdient haben, wird der Song nicht akzeptiert. Nein, er wird sogar vom Band-Namen losgelöst. Nix verstehen? Ich auch nicht.

Wer aber nun meint, dieser Unfug sei nicht mehr zu übertreffen, der wird sich noch wundern. Denn Toni hatte noch einen weiteren Kritikpunkt im Tornister, was uns wieder zu eingangs erwähnten Blutorgie bringt. Die maskierten Mitglieder von Kiss sehen nämlich nicht nur bescheuert aus, sie haben auch noch widerliche Show-Elemente im Programm. Der Fan freilich liebt diese Einlagen, beobachtet sie mit Argusaugen, nennt sie Mega-Kult und ist schier hypnotisiert vom Anblick eines Gene Simmons, dem der rote Sabber aus dem Maul läuft (ich schätze ja schon meine sabbernden Artgenossen nicht sonderlich, aber bei Zweibeinern ist es ganz besonders ekelhaft). Dieser Simmons ließ sich also während der Show mit einer Art Flaschenzug auf eine erhöht liegende Plattform hieven, von der aus er dann eine undefinierte, rote Flüssigkeit in die Tiefe spotzte. So schilderte es zumindest Frauchen. Unser Toni war nun angesichts dieser Darstellung völlig entsetzt. Das stimme ja gar nicht, polterte er. Der göttliche Simmons habe schon während des Hochziehens Blut gespuckt. Ah ja... Bleibt noch zu erwähnen, dass die Papierschnipsel beim Konzert nicht aus zwei (Frauchen), sondern aus vier Kanonen (Toni) abgeschossen wurden.

Toni ist eigentlich ein ganz netter Kerl, aber er ist eben auch ein Fan. Und dieser Begriff leitet sich nun mal von 'fanatisch' ab. Toni ist beileibe kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil: Abgesehen von Mädels im Kindesalter, die ihre Boy-Groups anhimmeln, ist es gerade in der Hard-Rock- und Heavy-Metal-Szene ein Phänomen, dass die Identifikation mit der Lieblingsband so weit geht, dass das Gehirn in weiten Bereichen vorübergehend ausgeschaltet wird. "Metal hört man nicht nur, diese Musik ist eine Lebensauffassung", heißt es nicht selten. Zu dieser Lebensauffassung gehören dann häufig ungepflegtes Äußeres, zerschlissene, speckige Klamotten, ungebremster Durst auf Bier und Jägermeister, aggressives Auftreten gegenüber Nicht-Metal-Fans, stampfender Gang und vor allem grimmige Gesichtszüge. Wie meinte doch jüngst ein Mitglied der Community eines Radiosenders aus Ismaning (nein, nicht die große Antenne, sondern deren Wurmfortsatz): Einen Metal-Fan, der mit ordentlichen Klamotten und gepflegtem Outfit auf einem Konzert erscheint, könne man einfach nicht akzeptieren. Wie krank!

Vergleicht man mal den Fanatismus der Zahnspangen-Mädels mit dem der Hardcore-Metal-Fans, dann gibt es da eigentlich gar keinen großen Unterschied. Aber nun kommt der springende Punkt: Während die Boy-Group-Kreischerinnen meist weit unter 20 Jahre alt sind, reicht das Spektrum der eisernen Metal-Fans bis in die Generation 40+ hinein. Und wenn sich jemand in diesem Alter noch mit Details über die ekelhafte Blutspuckerei von Gene Simmons befasst, dann ist das tatsächlich ein bedenklicher Vorgang. Lieber Toni, nichts für ungut.