Unsere besten Jahrhundert-Hits


Heute darf ich mich mit Euch über ein Jubiläum freuen: Das ist nämlich bereits die 25. Ausgabe meiner Kolumne. Statt einer angemessenen Feier durfte ich neulich mit Herrchen mal wieder einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher verbringen. Und dieser Schuss ging leider nach hinten los, denn wir rasselten mitten hinein in ein mehrstündiges Trauerspiel. Ich glaube, Herrchen hat sogar geweint. Weil es einfach so furchtbar peinlich war, was wir da zu sehen bekamen. Und persönlich betroffen musste man sich schließlich auch noch fühlen: Immerhin servierte uns das ZDF die 100 besten Jahrhundert-Hits der Deutschen. Und da zählt man sich ja irgendwie doch dazu.

Die Hitparade wurde präsentiert von der absoluten ZDF-Allzweckwaffe Johannes B. Kerner, der sich einige besonders peinliche Gäste eingeladen hatte: unter anderem Blödel-Mike (Krüger), Fidel-André (Rieu) und den laufenden Meter Jeanette (Biedermann). Dazu kam noch einer der ganz Großen: Reinhard May, auch bekannt als 'Nörgler vom Dienst'. Zum Moderator und seinen Gästen möchte ich kaum Worte verlieren. Nur so viel: Alle wurden ihrem Ruf mehr als gerecht: Reinhard May zog alle 15 Minuten über die deutsche Radiolandschaft her und forderte vehement mehr deutsche Songs auf den Sendern (wahrscheinlich vor allem seine eigenen), Jeanette kicherte und kreischte sich durch die Show, André Rieu bestach durch fundiertes Musikwissen (,Hungarian Rhapsody von Queen') und Mike Krüger passte sich mit Qualität und Gehalt seiner Wortbeiträge den Songs aus der Hitparade an.

Zu diesen Songs kommen wir jetzt. Ganz speziell für Euch habe ich  einige Titel heraus gegriffen - Titel, deren angeblicher Popularität hoffentlich nur ein Rechenfehler bei der Erstellung der Hitparade zu Grunde liegt (oder zählten die Stimmen der typischen Vertreter der Spaßgesellschaft doppelt?). Sollte dem nicht so sein, überlegen Herrchen und ich ernsthaft, ob wir nicht besser die Staatsbürgerschaft wechseln sollten. Denn mit dieser Auswahl wollen wir eigentlich gar nichts zu tun haben. Seht selbst. 








Platz 89 - Der Nippel

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh'n,
und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh'n.

Vielleicht war es ja Voraussetzung für die Teilnahme von Mike Krüger als Gast in der ZDF-Sendung, dass er einen Song unter den Top 100 platzieren konnte. 
Der anspruchsvolle Text ließ immerhin Titel wie "Knallrotes Gummiboot", "Sugar Baby" oder "Du kannst nicht immer 17 sein" hinter sich. Andere Highlights aus der musikalischen Karriere von Blödel-Mike schafften es tragischerweise nicht in den Countdown. Dabei gibt es da so gelungene Werke wie "Bodo mit dem Bagger" (fast die selbe Melodie wie beim 'Nippel', nur anderer Text), "120 Schweine nach Beirut" oder "Mein Gott, Walter".













Platz 81 - Ein Bett im Kornfeld

Ein Bett im Kornfeld, das ist immer frei,
denn es ist Sommer, und was ist schon dabei.


Logisch, dass der Barde mit der Zeckenmatte dabei ist. Der 'König von Mallorca' ist schließlich Aushängeschild unserer Spaßgesellschaft.

Mit dem Song "Let Your Love Flow" hatten in den Siebzigern die Bellamy Brothers einen Riesenhit in den USA. Konnten sie damals ahnen, dass ein gewisser Jürgen Drews die deutsche Version dieses Titels wahrscheinlich auch noch im Greisenalter mit offenem Hemd und Hand im Schritt grölen wird? Nein. Hätten die Bellamy Brothers dieses Desaster vorhersehen können, hätten sie den Song wahrscheinlich nie veröffentlicht.

Platz 51 - Die kleine Kneipe

Die kleine Kneipe in unserer Straße,
da wo das Leben noch lebenswert ist.


Peter Alexander hat diese Aufforderung zum Alkoholkonsum gesungen. Geschrieben wurde der Song aber vom Holländer Pierre Kartner alias Vader Abraham.
Und Vader Abraham ist - ganz klar - der Interpret des sensationellen Songs "Das Lied der Schlümpfe". Dieses tauchte wahrscheinlich nur nicht in der Hitparade auf, weil es von einem Holländer gesungen wird. Das gilt ebenso für den 'Ententanz'. Schade. "Die kleine Kneipe" lag übrigens knapp hinter "Patrona Bavariae" (Platz 50). Immerhin zehn Positionen weiter vorn platzierte sich Wolfgang "Wolle" Petry mit seinem Gassenhauer "Wahnsinn" ("Hölle, Hölle, Hölle, Hölle... ...Müll, Müll, Sondermüll").


Platz 39 - Theo wir fahr'n nach Lodz

Theo, wir fahr'n nach Lodz. Steh auf, Du altes Murmeltier,
bevor ich die Geduld verlier. Theo, wir fahr'n nach Lodz.


Was für ein Text! Eine Sängerin namens Vicky Leandros lehrt das Volk der Dichter und Denker, was wirklich Sache ist. Und schafft es immerhin unter die Top 40.
Diese Platzierung erzwingt einen kleinen Ausflug in die Politik, und zwar zum Thema 'Doppelte Staatsbürgerschaft'. Gäbe es diese nicht, wäre uns der Titel der Halbgriechin Vicky Leandros nämlich erspart geblieben. Dann wäre sie genauso durch den Raster gefallen wie der selige Vader Abraham. Doch durchaus möglich, dass wir über diesen Beitrag noch froh sein müssen, denn jetzt kommt es gleich knüppeldick. Wir steigen ein in die 30 besten Jahrhundert-Hits.

Platz 28 - Viva Colonia

Da sind wir dabei, das ist prima - Viva Colonia! Wir lieben das Leben die Liebe und
die Lust, wir glauben an den lieben Gott und haben auch immer Durst.


Die Hymne der Deutschen! Saufen und mehr! Der Song der Rheinländer zog auf dem Oktoberfest in München sogar die Bayern in seinen Bann.
Gleich vor den wahnsinnigen Höhnern aus Köln war dann auch gleich noch der Holzmichl platziert. 'Kultur pur' eben. Um ein gewisses Niveau zu halten, wurden in die Hitparade übrigens immer wieder traditionelle Gesänge ("Stille Nacht, heilige Nacht") und klassische Stücke ("Ode an die Freude") eingestreut.  Das sollte wohl eine Art Zeichen setzen, dass beim deutschen Musikfan Hopfen und Malz noch nicht ganz verloren sind. Immerhin: Die Nationalhymne schaffte es auf Platz 21 - und lag damit wenigstens vor Holzmichl und Höhnern.

Platz 19 - Ganz in Weiß

Ganz in weiß mit einem Blumenstrauß,
so siehst du in meinen schönsten Träumen aus.


Roy Black mit einem seiner genialsten Werke. Würde Roy noch unter den Lebenden weilen, ein Platz auf der ZDF-Couch wäre ihm sicher gewesen.
Weil es mir langsam reicht, überspringe ich jetzt bei den ausführlichen Beschreibungen mal einige Highlights und erwähne sie nur am Rande: 14. Sierra Madre (Schürzenjäger); 12. Am Tag als Conny Kramer starb (Juliane Werding); 10. Marmor, Stein und Eisen bricht (Drafi Deutscher); 05. Abenteurland (Pur); 04. Über den Wolken (Reinhard May). Auffällig war übrigens, dass die Songs aus der ehemaligen DDR auf der Skala der Peinlichkeit deutlich hinter den 'westdeutschen' Titeln lagen. Manchmal fragt man sich da fast, ob es gut ist, wenn die Leute all das singen dürfen, was sie wollen...


Platz 01 - Wind Of Change

I follow the Moskva, down to Gorky Park,
listening to the wind of change.


Natürlich: Die Scorpions (mit Sänger 'Ameise' Klaus Meine) und ihre Hymne der politischen Entspannung zwischen Ost und West auf Platz 1. 
Das war leider zu erwarten: Ob Gorbi oder Ex-Kanzler Gerd - Klaus Meine ist immer an vorderster Front dabei, wenn es darum geht, der Rockmusik in Deutschland auch einen gewissen politischen Stempel aufzudrücken. Dass dabei die USA eher schlechter wegkommen, liegt auf der Hand. Schließlich brabbelt man gerne vor, was bei der breiten Masse gerade populär ist. "Wind Of Change" ist dabei ein gutes Stichwort. Denn einen "Wind des Wechsels" bräuchten wir in Deutschland nicht nur in Sachen Musik...