Das Image-Problem der Rockmusik




'Huaaaa' - Mit diesem diabolischen Gruß darf ich Euch wieder zu meiner Kolumne einladen. Ich finde, dass ich auf dem Foto mit der Brille echt megacool aussehe. Und megacool fühlen sich auch die eingeschworenen Fans des Heavy Metal. Außerdem bilden sie sich häufig ein, irgend einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben - zumindest in deutschen Landen. Entsprechend gebärden sie sich dann auch - 'Huaaaa'. Ach ja: Metal-Fans trinken außerdem mindestens einen Kasten Bier am Tag, sind wasserscheu und bevorzugen die Vulgärsprache. Alles blöde Klischees? Natürlich. Das Problem ist nur, dass sehr viele Zweibeiner tatsächlich diese Vorstellung von Metal-Fans haben. Und weil Metal ja zur Rockmusik gehört, werden die Rock-Fans gleich in die selbe Schublade gesteckt. Komisch nur, dass fast alle Rock-Fans, die ich kenne, ganz anders sind...

Damit komme ich jedenfalls zu meinem heutigen Thema: 'Warum haben Rockmusik und vor allem deren Fans in diesem unseren Lande so ein schlechtes Image?' - Dieser Frage möchte ich mit Herrchens Unterstützung mal auf den Grund gehen.  Los geht's. 'Huaaaa'.
Räumen wir mal zunächst mit den erwähnten Klischees auf. Die sind nämlich allesamt absoluter Blödsinn, wenn man sie auf die breite Masse anwendet. Aber natürlich gibt es einige wenige Metal-Fans, die meinen, sich so eigenartig gebärden zu müssen, um glaubhaft ihr Image rüber zu bringen. Das Problem ist nur, dass natürlich gerade diese Minderheit in der Öffentlichkeit auffällt. Aber das ist ja immer so. Die wenigen Hunde, die regelmäßig den Postboten attackieren, bringen uns alle in Verruf. Und deswegen hat der Postbote traditionell panische Angst, wenn er einen Vierbeiner sieht.

Zu dieser Minderheit kommen bedauerlicherweise noch diverse Publikationen, die Herrchen mal nerven, mal aber auch belustigen.  Die tragen ebenfalls eine ganze Menge zur fragwürdigen Image-Pflege bei. In diesen Zeitschriften findet man dann Fotos von allerlei komischen Typen, von denen ich zur Verdeutlichung mal einige auf diese Seite eingeladen habe. Und damit herzlich willkommen in der Gruft des Heavy Metal, deren Bewohner ich Euch kurz vorstellen möchte (angefangen mit dem linken Bild): Ville ('Die Blutmaschine), Mortiis ('Das Elend im Teufelsgewand'), Nick ('Mr. Depressive'), Sacco ('Psycho Jumbo'), Shane ('Das Schnitzel-Grab'), Kirk ('Der Exekutor').

Wie Ihr seht, hat jeder der Eumels neben seinem richtigen Namen noch einen Spitznamen. Das gehört sich auch in deutschen Metal-Kreisen so. Ist doch langweilig, wenn der Fan einfach nur Hubert, Friedrich oder Kurt heißt. Für das Image braucht es schon einen Shifty, einen Zacke oder einen Elmrock. So oder so ähnlich nennen sich dann auch die Schreiberlinge, die die angesprochenen Zeitschriften inhaltlich bestücken und dabei kräftig die Heavy-Image-Trommel rühren. Da lernt also der echte Fan, welches Vokabular er bevorzugt zu verwenden hat. Und optisch darf er sich einen aus unserer Gruft als Vorbild aussuchen.  Ich persönlich würde ja 'Sacco' auswählen, da der irgendwie noch ganz normal aussieht. Zumindest hätte ich vor dem keine Angst (ganz im Gegensatz zum 'Exekutor'). Doch auch bei 'Sacco' kann der Schein natürlich trügen. Vielleicht ist er ja der Diabolische im Schafspelz, wer weiß. Auf alle Fälle ist bei Metal-Fans immer höchste Vorsicht geboten. Vorsichtshalber bringe ich schon mal meinen Fressnapf in Sicherheit.

Zurück zu den Metal-Magazinen. Voraussetzung, um dort arbeiten zu dürfen, ist offenbar, dass man die Sprache des wahren Fans voll drauf hat. Und meist beherrschen die Burschen das absolut perfekt. Analysieren wir mal das Editorial (das Wort hab' ich von Herrchen gelernt) der neuesten Ausgabe einer bekannten Metal-Bibel. Das ist echt der Hammer! In einer kleinen Kolumne, die ungefähr 25 Prozent einer Seite ausmacht, erzählen die Metallos aus ihrem Leben. Aber wie! Da geht es um die wirklich elementaren Dinge auf dieser Welt, die ich mal mit eigenen Worten vorsichtig umschreiben möchte, da meine Kolumne ja jugendfrei sein sollte: Sex ohne Partner, käufliche Liebe, Verdauungsstörungen, mangelnde Hygiene, Seuchen, weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale, Homosexualität. Schmökert man weiter in dem Heft, lässt sich diese Aufzählung schier endlos fortsetzen.

Die ganze Sache wäre ja eigentlich gar nicht so schlimm, wenn sie nicht so traurig wäre. Traurig deshalb, weil auch dieses Magazin dazu beiträgt, dass das Image einer Minderheit auf die breite Masse der Rock-Fans übertragen wird. Das ist zumindest in Deutschland so (wo 90 Prozent der Zweibeiner Metal und Rock nicht unterscheiden können) und hat böse Folgen. Alles was auch nur ansatzweise mit dem Begriff 'Rock' in Verbindung gebracht wird, geht zwangsläufig vor die Hunde (ich möchte mal wissen, woher dieser blöde Ausdruck stammt). Im 'Rock-Bistro' regiert der Pöbel, der schon mal handgreiflich wird. Bei 'Rock-Konzerten' gibt es Alkohol und Drogen im Überfluss. Radiosender, mit dem Begriff 'Rock' im Namen, spielen nur Krach und verkaufen keine Werbung, weil ihre Hörer sowieso kein Geld haben. So ist es leider. Und jeder, der in den vergangenen Jahren immer wieder das komische Image geschürt hat, ist daran nicht ganz unschuldig. Da dürfen sich auch die Herren der entsprechenden Zeitschriften gerne angesprochen fühlen.

Letztes Beispiel: Sogar mein Freund Thomas Gottschalk ist vom Image-Klischee infiziert. Als er mal den Altmeister Eric Burdon in einer seiner Shows zu Gast hatte und er gleichzeitig ein schmuckes Auto verloste, war es für den großen Blonden eine Selbstverständlichkeit, dass Burdon quasi als Draufgabe "in den Wagen kifft" (O-Ton Gottschalk). Da schlägt sich der geneigte Zuschauer auf die Schenkel, fühlt sich in seinen Vorurteilen bestätigt und warnt natürlich im gleichen Atemzug den Nachwuchs mit erhobenen Zeigefinger, von diesem Teufelszeug 'Rockmusik' tunlichst die Finger zu lassen. 

Einige Leser werden nun anbringen, meine Schilderungen seien etwas übertrieben. Mag sein, aber andernfalls wären sie ja auch nicht so witzig. Grundsätzlich treffen aber alle angesprochenen Punkte den Nagel auf den Kopf: Rock = Metal = unerträglicher Lärm = Alkohol = Drogen = Teufelskult usw. Diese Gleichung löst die Erwähnung auch nur eines dieser Begriffe in den Köpfen vieler Menschen in unserem Lande aus.  Und daran wird sich wohl auch nie mehr etwas ändern. Das Image der Rockmusik ist auf immer und ewig im Keller. 

Neidvoll kann man da nur in andere Länder blicken: nach Großbritannien zum Beispiel, wo sich auch der Top-Manager im fortgeschrittenen Alter als Rock-Fan outen kann, ohne dass gleich gemunkelt wird, der gute Mann würde wohl neuerdings in den falschen Kreisen verkehren. In den USA ist das nicht anders. Ich oute mich hiermit auch mal als Rock-Fan. Vor allem der Country-Rock hat es mir angetan, weil da in jedem Musikvideo mindestens einer meiner Artgenossen zu sehen ist. Aber Country ist ja auch so eine Geschichte. Vor vielen Jahren haben es eine Band namens Truck Stop und ein Herr namens Gunther Gabriel nachhaltig geschafft, den Deutschen einzutrichtern, was sie gefälligst unter Country-Music zu verstehen haben. Kein Wunder, dass diese Musikrichtung bei uns seitdem keine Chance mehr hat. Dennoch hat mir Frauchen gerade versprochen, dass ich demnächst mal mit in eine Country-Kneipe darf. Da freue ich mich jetzt schon drauf. Howdy!